ROBERTO BELLARMINO
BIOGRAFISCHE DATEN
Roberto (Francesco Romolo) Bellarmino wurde 1532 in Montepulciano geboren. Er war
Kardinal, Erzbischof von Capua und einer der wichtigsten Theologen der Gegenreformation.
Nach seiner Ausbildung an hervorragenden Schulen, darunter die Compagnia di Gesù,
schickte man ihn nach Padua, um Theologie zu studieren.
Dank seines Talents und seiner Redegewandtheit wurde er am römischen Kolleg zum Meister
der kontroversen Fragen gewählt.
Bellarmino wurde theologischer Berater von Papst Sixtus
V und wurde nach Frankreich geschickt, um die katholische Sache im Kampf gegen die
Hugenotten zu vertreten. Nach seiner Rückkehr nach Rom 1590 nahm er sein Amt als
Seelsorger wieder auf und wurde später Rektor der o.g. Institution. Während er dieses
Amt ausübte, arbeitete er am Prozeß gegen Giordano Bruno mit, wobei er maßgeblich an
dessen Verurteilung beteiligt war.
Nach seiner Weihe zum Erzbischof von Capua verwaltete er mit großem Eifer die ihm
anvertraute Diözese, bis er, nachdem er wegen des Todes von Pabst Clemens VIII (am 3.
März 1605) nach Rom hatte zurückkehren müssen, an zwei Konklaven teilnehmen mußte; im
zweiten dieser Konklaven war er einer der Favoriten der Papstwahl. Da der neue Papst ihn
in Rom zurückhielt, war Bellarmino von allen theologischen Ereignissen seiner Zeit
abgeschnitten: vom Interdikt von Venedig, von der anglikanischen und gallikanischen
Kontroverse über die weltliche Macht des Papstes und vom ersten Prozeß gegen Galilei. Er
starb 1621 in Rom.
DIE SCHRIFTEN UND DER STREIT MIT GALILEI
San Bellarmino hinterließ mehr als 30 Werke, darunter sowohl dogmatisch-polemische,
exegetische und asketische als auch solche für die seelsorgerische und moralische
Bildung.
Eines seiner bedeutendsten Werke sind "Die Kontroversen" (Disputationes de
controversiis christiane adversus huius temporis haereticos), das er nach dem Sterit
zwischen Dominikanern und Jesuiten über die Wirksamkeit der Gnade verfaßte.
Zur gleichen Zeit sah sich Bellarmino gezwungen, in die Auseinandersetzung mit den sieben
Theologen der venezianischen Republik einzugreifen, wo der Doge und seine Anhänger
aufgrund der Exkommunizierung des Dogen selbst und des Senats mit Schriften und Traktaten
einen "Schriftkrieg" gegen den Papst und seine kanonischen Sanktionen führten.
Die Verteidigungslinien der katholischen Doktrin waren die gleichen, die er bereits in den
Kontroversen und in nachfolgenden apologetischen Schriften ausführlich behandelt hatte:
der mittelbare Ursprung der Macht des weltlichen Fürsten, die klerikale Immunität und
die Autorität des römischen Papstes auf dem Konzil.
1604 schrieb der Erzbischof in Capua ein kurzes Traktat mit dem Titel "Ieraticon
Doron", das an König Jakob von England gerichtet war, um dessen Doktrin
freundschaftlich zu kritisieren und zu korrigieren.
Interessant ist die Epistel Bellarminos an Paolo Antonio Foscarini, ein Text, an dem man
seine Haltung gegenüber der wissenschaftlichen Methode und seine Weltsicht erkennen kann.
Der Brief des Theologen aus Montepulciano ist eine abschlägige und warnende Antwort auf
die Bitte Foscarinis, lediglich die Glaubwürdigkeit der von Kopernikus aufgestellten und
von Galilei bewiesenen heliozentrischen These in Erwägung zu ziehen. Es war Bellarmino,
der Galilei 1613 zum ersten Mal warnte, daß seine Theorien gefährlich seien, doch
zwischen den beiden gab es eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit, die eine
Kollision zweier verschiedener Weltsichten darstellte.
Galilei war der Vater der Wissenschaft, derjenige, der die aus Hypothese, Versuch und
Beweis bestehende systematische und pragmatische experimentelle Methode entwickelt hatte.
Dabei handelt es sich um ein logisches Vorgehen induktiver Art, das von einzelnen
Beobachtungen und Erfahrungen auf darin enthaltene allgemeine Prinzipien schließt. Diese
Methode wurde von Bellarmino bitter kritisiert, der, wie Aristoteles und der heilige
Thomas, die Beweisführung als richtig ansah, bei der man von einem absoluten
physikalischen Prinzip dessen Folgen ableitet, d.h. von der Ursache auf die Wirkung
schließt.
Für den aus Montepulciano stammenden Theologen war das induktive System völlig
willkürlich und unzuverlässig, da er ein überzeugter Verfechter des Instrumentalismus
war. Seiner Ansicht nach waren die menschlichen Sinne Instrumente, die lediglich
Hypothesen aufstellen konnten; die einzige Wahrheit, die es zu suchen galt, war die
verborgene Wahrheit. Er selbst behauptete, daß er "das Rohr oder die Linse des
verdienstvollen Mathematikers" nicht brauche, um "einige wundervolle Dinge um
die Venus herum" zu sehen.
Ein weiterer Grund für die Unruhe, die die neue heliozentrische Theorie im Geist
Bellarminos schürte, war biblischer Art. Für ihn war die Auslegung der Heiligen Schrift
entweder wörtlich, historisch und spirituell oder mysthisch, während Galilei behauptete,
der Heiligen Schrift nicht zu widersprechen, indem er eine allegorische Interpretation
anstelle einer wortwörtlichen vorschlug.
Berühmt ist ein Zitat aus Bellarminos Brief an Großherzogin Cristina: "Die Bibel
wurde nicht geschrieben, um uns Astrolomie zu lehren (...). Die Absicht des Heiligen
Geistes ist es, uns zu lehren, wie wir in den Himmel kommen, nicht, wie der Himmel
funktioniert".
Der Theologe verteidigte die christliche Religion unter theoretischen Gesichtspunkten,
doch er verteidigte auch die weltliche Macht der Kirche, die nicht dulden konnte, daß die
Auslegungen der heiligen Schriften aller traditionellen Kommentatoren angezweifelt
wurden.
BELLARMINO DIE POLITIK ZWISCHEN MACHIAVELLI UND LUTHER
Roberto Bellarmino, der große Unbekannte, könnte ein Buch über ihn heißen. Daß die
Kirche ihn heiliggesprochen hat, scheint das negative Urteil über ihn, dem vor allem
vorgeworfen wird, schuld an der Verurteilung Galileis zu sein, nicht geändert zu haben.
Doch wir werden versuchen, mehr über ihn zu berichten.
In seinen spirituellen Schriften "Die Pflicht des christlichen Prinzen"
behandelt Bellarmino das Thema Politik.
Und genau darüber sowie über die beachtliche
"Modernität" unseres Autors möchte ich hier sprechen. Es war noch nie einfach,
weder in der katholischen Welt noch in der protestantischen, zu sagen, daß die Macht des
Fürsten ihm von Gott durch das Volk verliehen werde. Er ging sogar soweit zu sagen, daß
dieser Auftrag, das Volk zu führen, wiederrufen werden könne, wie Michele De Rosa, der
Übersetzer dieses Werks, in seiner Einleitung hervorhebt. "Ihre Autorität, die der
Fürsten, kommt zwar von Gott, doch er ernennt die Herrscher durch die Vermittlung der
Republik (lat.: res publica), der Massen, der Gesellschaft. Die Fürsten sind ihren
Untertanen nicht unterstellt, doch der göttliche Auftrag kann widerrufen werden, wenn
diese ihn nicht im Sinne des Gemeinwohls auslegen oder ausüben wollen oder können".
Man denke nur daran, daß Hobbes wenige Jahre später (1615-1620) in England den Leviathan
veröffentlichte, ein Werk, in dem der Absolutismus in seiner strengsten, vom Volk
unkontrollierbaren, Form verfochten wird.
MACHIAVELLI UND LUTHER
Von Kaiser Konstantin bis etwa zum Jahr 1000 war das Verhältnis zwischen Kirche und Reich
im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten generell von gegenseitigem Respekt geprägt,
getreu dem Prinzip des Evangeliums: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und gebt
Gott, was Gottes ist". Doch unter Gregor VII wurde die Situation komplizierter:
"Nur der Papst, sagt das Dictatus Papae, hat das Recht, die kaiserlichen Insignien zu
tragen". Denn nach dieser Auffassung ist es eindeutig, daß die Seele (die Kirche)
dem Körper (dem Reich) überlegen ist; daher muß die erstere den letzteren befehligen.
Luther, der Reformator, sagt dagegen, daß der Staat selbst göttlichen Ursprungs ist und
beruft sich dabei auf Bibelstellen. Daher ist es richtig, sich der zivilen Autorität zu
beugen, wie er ein seinem Traktat "Über die weltliche Autorität" darlegt.
Auch wenn das dann, wie De Rosa hervorhebt, zu dem Paradox führt, das in lutheranischem
Raum Staatskirchen entstehen und der Fürst "summus episcopus" (oberster
Bischof) wird, entgegen der ursprünglichen Absicht Luthers. In Bezug auf Luther behauptet
Bellarmino: "Diese Lehre des Heiligen Geistes wurde von den deutschen Fürsten nicht
befolgt, als sich Martin Luther erhob und begann, im Volk die neuen Lehren zu verbreiten,
die sich gegen die Macht des Geistlichen wandte, der zu jener Zeit dem Herrn diente ... Es
ist merkwürdig, daß bei einigen Fürsten ein verlorenes Schaf größeres Ansehen
genießt als der Oberste Hirte".
Was Machiavelli betrifft, ist bekannt, daß er den Staat als völlig dem Willen des
Fürsten unterworfen betrachtet, im Guten wie im Schlechten.
Doch sowohl Machiavelli als
auch Bellarmino hatten einen personalistischen Staatsbegriff. Für Machiavelli ist die
Politik jedoch, wie übrigens später auch für Hobbes, unabhängig sowohl von der
Religion als auch von moralischen Prinzipien. Bellarmino akzeptiert diese Unabhängigkeit
natürlich nicht: der Fürst muß der Kirche gehorchen, denn nur durch sie kann er die
ewige Erlösung erlangen. Man muß zugeben, daß dies noch eine mittelalterliche
Sichtweise ist, die Vorstellung, daß der Staat von der Kirche abhängig ist wie der
Körper von der Seele.
Doch die Auffassung Machiavellis konnte zum Absolutismus des siebzehnten Jahrhunderts
führen, was sie auch tatsächlich getan hat, und zu den grausamen rechts- oder
linksgerichteten Diktaturen unseres unglückseligen Jahrhunderts. Die Theorie Bellarminos,
mit der Auffassung von der grundsätzlichen Souveränität des Volkes, kann nach einer
notwendigen Entwicklung zu moderneren Formen der Demokratie führen, die heute von der
Kirche allgemein akzeptiert werden.
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