GUAZZINO
Guazzino ist ein jungerer Ort auf dem Geneindegebiet
Sinalungas. Nach Repetti hat das Dorf seinen Namen von einem gewissen Guazzino di
Montepulciano, der im 14. Jh. an dieser Stelle Besitzungen hatte. Der aelteste Ortskern
besteht aus einer Pfarrkirche und wenigen Hausern in ihrer Naehe. Die vielen anderen, die
hauptsaechlich entlang der Stra(e, die von der Unterstadt Sinalungas nach Bettolle fuehrt,
stehen, stammen aus der Zeit, in der die Ziegelbrennereien der Umgebung in Betrieb
genommen wurden.
Die Pfarrkirche Santa Maria delle Grazie wurde im 18. Jh. erbaut und ist wegen der fuer
das 18. Jh. typischen Verzierungen am Hauptaltar interessant. Mehrere Jahrhunderte lang
wurde die Madonna delle Grazie, die auf einem Fresko in der Kirche abgebildet ist, nicht
nur von den Dorfbewohnern, sondern auch von den Einwohnern von Sinalunga und Bettolle
verehrt.
Denn, nachdem sie es ihren muetterlichen Eingreifen zugeschrieben hatten, von einer
schrecklichen Epidemie verschont worden zu sein, legten die Bewohner der o.g. Orte das
Geluebde ab, jedes Jahr am 25.Maerz, dem Fest Maria Verkuendigung, nach Guazzino zu
pilgern, und zwar mit der gesamten Priesterschaft, den Bruderschaften und den Insignien
der Pfarrei. Dies geschah bis zum Jahr 1880, als unerfreuliche und heftige Streitigkeiten
zwischen den Einwohnern Bettolles und Sinalungas dazu fuehrten, da( letztere beschlossen,
nicht mehr nach Guazzino zu kommen, um ihr Geluebde zu erfuellen, sondern stattdessen zum
Heiligtum der Madonna del Rifugio auf dem Huegel Sinalungas zu pilgern, und zwar am
Osterdienstag. Dieser Brauch ist jedoch bis heute den Bewohnern Guazzinos eigen, der auf
die ferne Vergangenheit zurueckgeht und fast unveraendert ist. Dieses Fest hat schon immer
das der "Madonna von Spinnrocken" gehei(en, weil die Maedchen des Chianatals der
Madonna ihre Spinnroecken, voll mit Hanf oder gesponnener Seide, diese typisch weiblichen
Arbeitsgeraete, zum Opfer brachten. Es waren naemlich die Landfrauen, die fuer das Spinnen
von Hanf, Seide oder Wolle diese Gerate verwendeten, die aus einer langen Holzspindel, an
deren einem Ende sich ein vergroe(ertes, zylindriches "Kopfstueck" befand, auf
das man das zu spinnende Material wickelte. Eine einzigartige Gepflogenheit hat sich mit
der Zeit in dieses Fest "eingeschlichen" : wenn sich die Maedchen bei der
Prozession von einem Jungen Mann begleiten lie(en, dann trug er den mit Blumen und Spitze
geschmueckten Spinnroecken, waehrend das Maedchen ihm den Hut hielt. Dies hatte fuer alle
Anwesenden die offizielle fast heilige Bedeutung eines Verloebnisses. Der Pfarrer belohnte
dann alle Maedchen, die Seide oder Hanf geopfert hatten, mit einem Seidenhalstuch zur
Erinnerung an die Bekanntmachung der Verlobung.
In der Geschichte dieses Festes muß man an das erinnern, was 1946, im Gedenken an den
200. Jahrestag der Einweihung der Kirche Guazzinos (9. Mai 1745 ) geschah. Der damalige
Pfarrer, Don Amadeo Batignani, schlug den Bewohnern vor, das kunstfertig restaurierte
Bildnis der Madonna mit einer kunstvollen Silberkrone, die von einem florentnischen
Goldschmied angefertig worden war, zu kroenen , und zwar , um Versprechen zu halten , das
man der Jungfrau waehrend des 2. Weltkrigs gemacht hatte. Zu dieser Gelegenheit kehrten
nach etwa 75 Jahren , auf Einladung des Pfarrers , auch die Einwohner von Sinalunga und
Bettolle zurueck, um der Madonna delle Grazie , die Ehre zu erweisen und die erfolgte
Versoehnung zu demonstrieren.
Bis 1968 hatte das Fest einen rein religioesen Charakter: es wurde am 25. Maerz gefeiert
und am Vorabend wurden die Spinnroecken in einer Prozession zur Kirche gebracht, waehrend
vor dieser ein grosses Feuer brannte. Noch heute findet die Prozession statt, mit den
Spinnroecken der drei Ortsteile , in die Guazzino aufgeteilt ist, naemlich
"Torri" (Tuerme), "Fontane" (Brunnen) und "Casacce"
(Huetten), die jedes Jahr beim "Karrenrennen" gegeneinder antreten, um den Palio
(den Preis, eine Art Fahne) zu gewinnen.
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