IRIS ORIGO
Iris Origo verbrachte ihre Kindheit zum
Teil bei den amerikanischen Grosseltern in New York, zum Teil bei den anglo-irischen
Grosseltern in London. Nach dem Tod des Vaters bekam die Mutter eine Villa in Fiesole, wo
Iris ihre Jugend verlebte. Hier war die Villa Treffpunkt von gebildeten Persönlichkeiten:
Künstlern, Politikern, Filosofen. Im Jahre 1924 heiratete sie den Marchese Antonio Origo
einen Mann , der das Leben auf das Land liebte. Sie bekamen einen Gutsbetrieb mit 1400
Hektar im Orcia Tal.
Das war eine wüste Mondlandschaft mit den sogenannten
crete(d.h. Felsbroken) Lehnbuckeln, Wurzelstöcken und Wildäckern. Diese Wüste wollte
das junge Paar in eine Oase verwandeln. Damals musste das jedem wie Wahnsinn erscheinen.
Aber der Traum wurde Wirklichkeit: Nach zwei Jahrzehnten gab es hier Brunnen und Strasse,
Dämme und Deiche und ausserdem eine Schule, ein Kraukenhaus, einen Friedhof, eine
Kapelle, ein Freizeitheim. Die Bauernhäuser waren verdoppelt (von 25 bis 57 danke der
staatlichen Unterstützumgen, die der mann durch den" Consorzio di Bonifica"
bekommen konte.) Es gab eine Ölmühle, Kornspeicher Keller, die Molkerei, die
Werkstätten und die Wäscherei einen Kindergarten, einen Gemischwarenladen. Die
unemüdliche Arbeit gab ihnen Leben Sinn und Freude zum Leben. Sie beschäftigten sich nur
mit ihrer landwirtschaftlichen Gemeinschaft und mit den Menschen, für die sie
verantwortlich fühlten und entfreundeten sich damit den Fragen des sozialen und
politischen Lebens". In Castelluccio, in einer alten Burg,
500 Meter von der
Villa, wo Iris mit dem Mann und der Tochter Donata wohnte, wohnten der Priester und zwei
Waldhüter. Im Jahr 1943 bekam sie ihr zweites Tochter Benedetta. Die Ereignisse vom
Januar 43 bis zum Sommer 44 hat sie in einem Tagebuch auf Englisch geschrieben. Als die
Allierten die ersten Bomben warfen, fühlte sie das Bedürfuis ihre Gedanken und ihre
Erlebnisse zu schreiben um die Angst zu besiegen und um ein authentisches Dokument den
Töchtern hinterlassen. Sie hat viel die Toskana, ihre Kultur und Geschichte geliebt. Sie
hat darüber andere Werke geschrieben. Im Namen Gottes und des Geschäfts" ist
der Titel eines Lebensbildes von einem toskanischen Kaufmann der Frührenaissance.
Francesco Datini aus Prato. Der Heilige der Toskana" ist dagegen dem Leben und
der Zeit des Bernardino von Siena gewidmet. In Images and Shadows" hat sie
schliesslich ihre Kindheit und Jugend beschrieben.
TOSKANISCHES TAGEBUCH 1943 - 44 KRIEGSJAHRE IM ORCIA TAL Am
Anfang schrieb sie dieses Tagebuch nur für ihre
Töchter, die während des Krieges zu klein waren, um zu verstehen und um zu erimern. Nach
dem Krieg im Jahre 1947 dachte sie das Werk auf Englisch zu veröffentlichen. Fast 40
Jahre später 1986 hat sie endlich entschieden, wie ihre einige Freunde rieten, das Buch
ins Italienische zu übersetzen und es für die jüngeren Generationen veröffentlichen.
Es ist fast unmönglich die zahlreichen Ereignisse des Tagebuches zusammenzufassen, nicht
nur weil die Historikerin sehr minutiös und genau ist, sondern auch weil das Buch den
Alltag der ganzen kleinen Gemeinschaft darstellt. Die eigentlichen
Hauptfiguren" sind hier nämlich, die alliierten Kriegsgefangenen, die sich in den
Wäldern des Orcia Tals versteckten, die ersten Partisanen mit ihren Streiten, die
deutschen Besatzungstruppen, die italienischen Faschisten, die Carabinieri von
Montepulciano, die die Bevölkerung schützen mussten und schliesslich die Bauern, deren
Söhne gegen ihren Willen eingezogen worden waren oder dem Gestellungsbefehl zu entkommen
versuchten. Hauptfigur ist ohne Zweifel die Solidarität, die sich ohne politischen oder
patriotischen Grund entwickeln konnte - besonderes unter den Bauern. So bezeichnete sie
ein Partisan (Major Gibson) die einfachste aller Beziehungen zwischen zwei
Menschen: die Beziehung, die sich entwickelt zwischen dem Menschen, der um das bittet, was
er braucht, und dem Menschen, der ihm hilft, so gut er eben kann. Keine unnötige Emotion
oder Pose". General O Connor schrieb nämlich Iris: Ich kann nur betonen, daß
die italienischen Bauern und andere Menschen, die im verborgenen halfen, großartig waren
. Sie taten für uns alles , was in ihrer Kraft stand.
Sie versteckten uns, gaben uns
Geleit, Geld , Kleidung, Essen - und sie nahmen dabei ständig ungeheure Risiken auf sich.
Wir Engländer schulden den Italienern unendlich viel Dank, dem allein ihre Hilfe hat es
ermöglicht, daß wir überleben und schliesslich entfliehen konnten". Wir erzählen
jetzt von den - unserer Meinung nach - wichtigsten und vielleicht bedeutendsten
Ereignissen des Buches. Die erste Tat, die wir beschrieben möchten, ist die Ankunft der
ersten sieben Flüchtlingskinder, die aus Genua und Turin kamen. Sie wurden bei der
sogenannten "Casa dei bambini" aufgenommen und untergebracht. Diese und andere
Kinder, die später ankamen , waren Waisen oder ihre Häuser waren völlig zerstört und
wurden von dem Fascio evakuiert.
Mit grosser Sensibilität beschreibt die
Autorin "ihre weisse , käsige Gesichter viele voller entzündeter Schrammen und
Furunkel und ihre Tränen und ihr Heimweh". Eine andere Tat ist die Ankunft von 50
Kriegsgefangenen, von lauten Briten, deren Sprecher ein flegmatischer Herr aus Yorkshire
ist , der Trott heisst, der war so zufrieden mit dem Quartier für ihre Soldaten und mit
dem Rationen , der am Abend nur danken und den Wunsch ausdrücken konnte , einen
Sportplatz zu haben. Der Höhepunkt im Tagebuch ist der dramatische Marsch der 23 Kinder
über das von der Schlacht verwüstete Land , um Rettung in Montepulciano zu suchen. In
der Nacht am 22. Juni, da die deutschen den Keller, wo viele Erwachsene und Kinder Schutz
gesucht hatten, brauchten, entschieden Iris und ihr Mann wegzugehen und sagten:
"Sofort nach Montepulciano oder Chianciano, wo ihr eben Freunde habt. Nehmt nur mit,
was ihr tragen könnt. Die Kleider , die ihr auf dem Leib habt, und etwas zu essen."
Die Autorin behauptet, dass sie damals nicht wagte zu hoffen, dass sie alle Kinder heil
durchbringen würden, Sie müssen in der Tat in der Mitte der Strasse bleiben und den
Minen auszuweichen und nicht die Aufmerksamkeit der alliierten Flieger zu ziehen. Die
ganze Zeit spritzten die Geschosse um sie und über ihre Köpfe dröhnten die Flugzeuge.
Die Kinder waren brav und man hörte wenig Jammern, die Sonne brannte auf die Köpfe , der
Berg war sehr steil. Als sie auf dem Hügel vor Chianciano angelangtr waren, teilten sich
in zwei Gruppen. Eine wanderte nach Chianciano. Die andere mit Iris , insgesamt 60
Menschen, darunter 4 Kleinkinder und 28 grössere Kinder liefen in Richtung Montepulciano.
Als sie endlich todmüde San Biagio erreichten , fragten sie sich, ob sie Unterkunft
finden würden . Eine kleine Gruppe von Bürgern der Stadt hatte sie von der Stadtmauer
aus gesehen und kam um sie mit offenen Armen zu empfangen. Eine alte Bäuerin, deren Sohn
fern der Heimat in Indien oder Australien in einem Kriegsgefagenenlager sass und die einem
Fremden in ihrem Hause eine Suppe kochte ein Bett für die Nacht bereitete, sagte einmal:
"Vielleicht wird jemand das gleiche für meinen Sohn tun." Ein englischer
Kriegsgefangen half einer Bäuerin , Wasser aus dem Brunnen hochzuziehen und sie stopfte
seine Socken , strickte ihm einen Pullover und unter Tränen backte ihren besten Kuchen
für ihn, als der Tag des Abschieds gekommen war. Eine letze -komische-Episode scheint der
Humor der Autorin durch. Als ein italienischer Priester zusammen mit einem deutschen
Militärkaplan die Messe las und mit den unvergesslichen Wörtern auf das Hakenkreuz an
dessen Uniform deutete:" Crux diaboli ".Worauf der Deutsche antwortete:
"Crux Hitleri" und dann ganz leise hinzufügte: "mala bestia". Zum
Schluss gefällt uns die Wörter von Elsa Dallolio,eine liebe Freundin von Iris , zu
zitieren. "Das Leben der Menschen ist eine grosse , schöne Sache und solange die
Pflicht es bestimmt, überlebt die Menschheit trotz Krieg und Zerstörung . Daher darf man
hoffen, säen und lieben". Dies war die Meinung von Iris , auch die in der Tat im
Vorwort seines Tagebuchs schrieb ,"wenn ich zurückblicke auf diese Jahre der
Auspannung und der Erwartung, der Zerstörung und der Sorge, waren immer die persönliche
Güte eines einzelnen Menschen sein Mut oder sein Vertrauen, die diese Jahre erhellt
haben. Dies ist das Fundament, auf dem eine internationale Verständigung aufgebaut werden
kann, die einfachen guten Werke , die Menschen in täglichen Leben für einander tun.
Darauf dürfen wir unsere Hoffnung setzen."
Wegen ihres Glaubens an die
Menschheit, wegen der tragischen Aktualität des Themas haben wir von Iris Origo erzählt,
die ohne Zweifel, eine wahre Europäerin, eine wunderschöne Frau war.
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