PIUS   II

PIUS 2. DER GRÜNDER PIENZAS Am 19. August 1458 gelang es Enea Silvio Piccolomini, 53 Jahre zuvor in Corsignano (ursprünglicher Name Pienzas) geboren, auf sich die Stimmen des Kardinalskonklaves zu vereinigen. Der Kampf war hart und unerbittlich gewesen. So Papst geworden, berichtete er selbst in seinen Commentarii darüber, welche Machenschaften in der Abgeschiedenheit der vatikanischen Latrinen angezettelt werden konnten. Ein wahrer politischer Kampf, geprägt von Leidenschaften und Drohungen, wie sie in jedem modernen Parlament, das etwas auf sich hält, vorkommen ... pio1.JPG (42044 byte)Auch heute noch greift man, will man die Glaubwürdigkeit eines Politikers unterminieren, diesen auf persönlicher Ebene an und läßt politische Argumentationen außen vor. "Wollen wir etwa einen Dichter auf den Stuhl Petri setzen?" zischte Kardinal Rouen in den Bänken des Konklaves. "Wollen wir etwa, daß die Kirche von nun an nach heidnischen Regeln regiert wird?" Ein Humanist des 15. Jahrhunderts, auch wenn er frommer Christ war, stand allein wegen seiner Liebe zur Antike bei den reaktionärsten Ortodoxen in schlechtem Ruf, die folglich mit der Anschuldigung, er würde heidnische Praktiken betreiben, leichtes Spiel hatten. Doch es scheint, daß Piccolomini, der in seinem Leben schon viel durchgemacht haben mußte, sich bei seiner Verteidigung nicht aus der Ruhe bringen lassen hat. "Ihr sagt, daß mir niemand helfen wird und daß ich im größten Elend enden werde? Die Armut ist für den, der an sie gewöhnt ist, nicht hart. Ich habe bisher in Armut gelebt, was wäre also so schlimm daran, wenn ich arm stürbe? Auf jeden fall kann mich niemand von den Musen fernhalten, die umso süßer sind für den, der vom Glück vernachlässigt wird ...". Und es ist kein Zufall, daß Enea, sobald er es geschafft hatte, sich als Kandidat durchzusetzen, mit dem Geiste und dem Herzen zu seinem großen Meister zurückkehrte: zu VIRGIL. pio2.jpg (43856 byte)"Sum pius Aeneas, fama super aethera notus". So ließ der Dichter den Helden in der Äneis sagen, der sich als Sippenoberhaupt der römischen Adels präsentierte. Enea Piccolomini, auch er Pius geworden, konnte so danach streben, der Erneuerungspapst des großen Imperiums zu werden, Gründer einer neuen Kultur und herrlicher Städte. Aber nach wie vielen und welchen Wechselfällen hatte Enea, wie Virgils anderer Äneas, die Schicksalshügel erreicht? Um dies alles zu verstehen, muß man in der Zeit ein wenig zurückgehen. Die Familie Piccolomini war in Siena lange Zeit im politischen und wirtschaftlichen Leben der Stadt einflußreich gewesen und hätte es auch bleiben können, wenn nicht um die Mitte des 14. Jahrhunderts etwas unvorhergesehenes geschehen wäre. Die Regierung der Neun, Vertretung der großen Seneser Familien, deren bei Lorenzetti in Auftrag gegebenes Fresko über die "gute Regierung" es nicht geschafft hatte die immer deutlichere Ähnlichkeit mit dem, das das Gegenteil darstellte, zu vertünchen, wurde durch das Volk gestürzt, das die Kraft hatte, die alte Oligarchie der Kaufleute durch eine Regierung zu ersetzen, die das aufstrebende Kleibürgertum der Handwerker repräsentierte. Wie es in solchen Fällen oft geschah, waren die besiegten Adelsfamilien gezwungen, die Stadt zu verlassen und ins Exil zu gehen, wobei sie Reichtm und Privilegien verloren.   Eneas Großvater ereilte dieses Schicksal und ihm blieb nichts anderes übrig, als sich in Corsignano niederzulassen, wo er noch ein Haus und Ländereien besaß. Der Versuch von Eneas Vater, dieses Schicksal zu ändern, schlug fehl, und so wurde der spätere Papst in dem kleinen Ort geboren und wuchs dort auf. Alle Biografen Piccolominis haben immer wieder darauf hingewiesen, daß die Mitglieder dieser im Exil lebenden Adelsfamilie sich ihrer großen Vergangenheit immer bewußt waren und nie die Hoffnung aufgaben, die verlorenen Stellung wiederzuerlangen. Noch heute kann man von dem Hügel, auf dem sich Pienza erhebt, an klaren Tagen die roten Mauern Sienas sehen, die weit genug entfernt sind, um keine Angst zu machen, aber auch noch nahe genug für den, der sich der Stadt noch irgendwie verbunden fühlt. Aber wenn auch die Vorfahren Eneas Corsignano aus verständlichen Gründen nicht lieben konnten, gibt es keinen Zweifel daran, daß er diesen Ort und dieses Tal liebte, an deren Einsamkeit und Reinheit er sich auf seinen langen Reisen seiner mühsamen Karriere immer gern zurückerinnerte. Seine erste Reise führte Enea nach Siena, wo zumindest das Recht auf ein Studium einem Piccolomini nicht verwehrt werden konnte. Es mangelte nicht an Demütigungen, doch die Stadt war ein lebendiger und stimulierender Ort, wo es leicht fiel, die Beleidigungen zu vergessen. Vor allem bei der zeitgenössischen Jugend schienen Religiosität, Zügellosigkeit und Bildung auch bei den Besten untrennbar miteinander verbunden zu sein.      pio3.jpg (43639 byte)Dies erklärt, wie Enea in den Seneser Jahren in einen neuen Lebnsstil eingeführt wurde. Sobald es ihm möglich war, reiste er: nach Florenz, Padua (in Padua lernte er Matthias Corvinus kennen, der dann 1457 König von Ungarn wurde, und ihm die Aufgabe gab die Donauregion politisch zu kontrollieren und schloß sich später mit ihm gegen die Ottomanen zusammen ), Ferrara und Mailand und schloß nützliche Freundschaften in humanistischen Kreisen, in denen er sich bald als wertvolles belebendes Mitglied hervortat. Wie bei allen Menschen mit großer Zukunft trieben ihn sein Ehrgeiz und sein Erfindungsreichtum, die beide maßlos waren, dazu, bei den alltäglichen Schwierigkeiten unaufhörlich einen Ausweg zu suchen, der es ihm ermöglichte, sich hervorzutun. Aus diesem Grund zögerte Enea niemals, wenn sich ihm eine neue Möglichkeit auftat, auch nur einen Moment, sie zu ergreifen. Die erste war die, die ihm von Kardinal Capranica angeboten wurde, der einen gebildeten und rechtsgelehrten Sekretär suchte, der ihn zum Konzil von Basel begleiten sollte. Dadurch war er zwar gezwungen, Siena zu verlassen, aber er konnte so seinen Kenntnisreichtum vor einer Zuhörerschaft, die sich aus der kulturellen Elite Europas zusammensetzte, unter Beweis stellen. Als der Kardinal Capranica bald darauf in Ungnade fiel, fand Enea in Kardinal Niccolò Albergati einen neuen mächtigen Förderer, überzeugter Kartäuser auch im Kardinalspurpur, Mäzen vieler Literaten. Im Streit, der sich, zuerst in der Schweiz und dann in Ferrara, auf dem Konzil entwickelte, schlug sich Enea auf die Seite der republikanischen Opposition, die den Gegenpapst Felix V wählte, dessen Sekretär er sofort wurde. Dies war die erste wirklich wichtige Tür, die sich ihm konkret geöffnet hatte und die es ihm, unabhängig von der gewählten Partei, ermöglichte, sich mit vollem Recht am Gespräch der Großen seiner Zeit zu beteiligen. Eine noch bessere Gelegenheit bot sich ihm wenig später, als er mit der Gesandschaft beim Kaiser in Frankfurt aufhielt und es ihm durch seine großen diplomatischen Fähigkeiten und seine Bildung gelang, dessen Vertrauen zu gewinnen, so daß er in dessen Dienste eintrat und als Dichter im Frankfurter Dom gekrönt wurde, eine der Überraschungen, an die Enea Silvio Piccolomini, genialer, aber mittelloser Student, später herausragender und anspruchsvoller Akademiker, sein erstauntes Publikum gewöhnen sollte.                       pio4.jpg (45388 byte)                  Eine ähnliche Situation wiederholte sich, als er kurz darauf, nachdem er im Auftrag des Kaisers als Botschafter zu dessen Gegner, Papst Eugen IV, nach Basel geschickt worden war und sich auch dessen Wertschätzung gesichert hatte, von diesem zum päbstlichen Sekretär ernannt wurde. Seine außergewöhnliche Fähigkeit, unbeschadet die Klippen der Geschichte zu umschiffen, hatte es ihm ermöglicht, den Kreis zu schließen und innerhalb kürzester Zeit Vertrauensperson dreier der wichtigsten europäischen Politiker zu werden, die lange Zeit miteinander in Konflikt gelegen hatten. Wie soll man dies nennen, wenn nicht Ausdruck einer modernen und weltlichen Autonomie? Mit 40 Jahren hatte Enea bereits zahlreiche schwierige Proben bestanden, die zum Teil sogar hoofnungslos erchienen waren, sein Verstand hatte sich durch Erfahrung geschärft und durch eine Bildung verfeinert, deren Verdienst es nicht zuletzt war, daß er nie seine Menschlichkeit verloren hatte. Doch in für alle so schweren und gefährlichen Zeiten mußte man eine klare Vorstellung von der Welt und vom Schicksal der Menschen haben. Die Tratate des 15. Jahrhunderts hatten schon über das Verhältnis von Tugend und Glück behandelt und auch Piccolomini hatte mindestens zweimal darüber geschrieben. Das erste Mal direkt in dem an Francesco Colonna gerichteten und später zu einem Tratat mit dem Titel Somnium de Fortuna ausgearbeiteten Brief von 1444. Darin dominieren zwei Figuren: Krates von Theben und Sokrates. Ersterer gilt wegen seiner spektakulären Geste, mit der er eine große Menge Gold ins Meer geworfen hatte, um nicht Sklave seines Reichtums zu sein, als Vorbild für den Weg zur Philosophie. Der zweite gilt als verdienstvoller Mann, der nie vom Glück belohnt wurde. Im Hintergrund die Initianosreise Polifilios auf der Suche nach Polia. Glück ist in Piccolominis Weltbild für den Menschen nicht von Dauer; im Gegenteil, es ist das Produkt eines günstigen Augenblicks, zu dessen Auftreten er selbst beitragen muß und den er auf jeden Fall zu nutzen wissen muß: "Omnia tempus domata nec ulli fortuna perpetua est". Das Thema Glück wird außerdem indirekt in dem während seines Aufenthalts am Kaiserhof verfaßten Werk De miseria curalium behandelt, ein Werk, in dem sich der Bruch mit der mittelalterlichen Kultur erneut zu bestätigen scheint. Hier gesteht der Autor dem Menschen nämlich die Möglichkeit zu, sich aus einigen tristen Bedingungen, in die er geraten ist, wieder zu befreien, wenn er will. Gegen einige Höflinge faßt er ein endgültiges Urteil ("da die Fliegen von den fetten Speisen und den fettigen Tischen der Herren angelockt werden, ernähren sich am Ende mehr die Fliegen als sie davon ...") und sein Weltbild wird immer realistischer und scheint sich einigen drastischen Äußerungen anzunähern, die typisch sind für die späte Renaissance. Er machte den Kaiser in dieser Zeit darauf aufmerksam, daß es nicht in seinem Interesse lag, sich den Papst zum Feind zu machen und argumentierte dabei so: " ... es ist sinnlos, sich zu sehr auf die Launen des Volkes zu verlassen, sie sind zu unstet, da es, wenn zwischen Pabst und Fürsten immer ein gemeinsames Interesse geben wird, zwischen Volk und Fürst nie etwas anderes als unversöhnlichen Haß geben kann ...". Glaubt man da nicht, Machiavelli zu hören? Was die Gründe betrifft, die den gebildeten und politisch engagierten Menschen zur Selbstbestätigung ohne Rücksicht auf Verluste treiben, gesteht Piccolomini in einem Brief an den befreundeten Juristen Johannes Heic: "viele Gründe treiben uns dazu, auf dem einmal eingeschlagenen Weg zu bleiben, aber der Hauptgrund ist zweifellos der Ehrgeiz, der fast mit der Wohltätigkeit konkurriert, der uns die schwersten Bürden tragen läßt, nur um irdischen Ruhm und Ehre zu erlangen ...". Mit 40 Jahren entschloß sich Enea Piccolomini, die kirchliche Laufbahn einzuschlagen und Priester zu werden. Die Geschichtswissenschaftler haben beim Kommentieren dieser Wahl meist den Aspekt der Gemeinsamkeit, nicht des Bruchs mit seinem bisherigen Lebensentwurf hervorgehoben. Die kanonische Interpretation dieses Wendepunkts im Leben des späteren Papstes tendiert jedoch zur Theorie der "Bekehrung", die aus einem "von der Sinnlichkeit besiegten Christen" einen keuschen Priester mit erneuerten moralischen Prinzipien. Wie auch immer, er traf diese Entscheidung. Vor allem muß man voranschicken, daß das Priestertum für Enea nie ein Vorspiel zum spirituellen Rückzug darstellte und das es zwar die Mondanität ausschließt, sich aber schließlich als notwendiger Schritt zur Verwirklichung eines weiteren großen Plans herausstellte. An dieser Stelle muß darauf hingewiesen werden, daß Piccolomini in seiner Jugend lange über die Möglichkeit nachgedacht hatte, die Weihen anzunehmen, und darüber auch mit Bernardino da Siena gesprochen hatte, dessen Predigten ihn stark fasziniert hatten. Doch der große Prediger hatte ihm abgeraten, nachdem er festgestellt hatte, daß die jugendliche Begeisterung und die Überzeugung, einfach einem moralischen Zwang gehorchen zu müssen, nicht Grund genug sein konnten, eine so wichtige Entscheidung zu treffen. Nun, mit mehr als 40 Jahren, war die Situation ganz anders. Wie Enea selbst Johannes Vrunt gegenüber in einem Brief zugab, hatte die Intensität, mit der er jeden Augenblick seines Lebens gelebt hatte, seinen Körper und seinen Geist verändert. Seine frühere Leidenschaft für Venus - die er selbst zugab -, seine beiden ohne Heuchelei unehelich gezeugten und dann verlorenen Kinder, sein ohne Exhibitionismus gelebtes Leben als Genußmensch, waren nun Vergangenheit: "Ich bin satt, ja übersättigt, Venus verursacht mir Übelkeit. Außerdem ist es vor allem wahr, daß meine Kräfte nachlassen, meine Haare weiß werden, die meine Nerven abgestumpft und meine Knochen brüchig geworden sind, mein Körper von Falten überzogen; weder kann ich einer Frau irgendwelchen Genuß bereiten, noch sie mir. Meine Keuschheit ist also nicht mein Verdienst." Also jedes Ding zu seiner Zeit. Jetzt waren auf natürliche Weise die Bedingungen entstanden, damit ein Mann, der am Höhepunkt seines Lebens angelangt war, versuchen konnte, den nun nicht mehr unerreichbaren Traum seiner Jugendzeit zu verwirklichen: weiser Betreiber der Wiedergeburt eines Mythos zu werden: des Heiligen Römischen Reiches. Es ist überflüssig, zu bemerken, daß die kirchliche Laufbahn Eneas sehr schnell verlief. Nachdem einige Hindernisse aus dem Weg geräumt waren - d.h. nachdem er alle unzüchtigen literarischen Werke zurückgezogen hatte -begann Piccolomini, die Karriereleiter emporzusteigen. Bischof zuerst von Triest, dann von Siena, wohin er unter den besorgten und erstaunten Blicken seiner früheren Feinde zurückkehrte, um eine heimliche Revanche zu feiern; danach folgte eine intensive Botschaftertätigkeit in allen Ecken Europas, wobei er mit Zähigkeit daran mitarbeitete, das ottomanische Reich auf Osteuropa zu beschränken, was schließlich zu seiner entgültigen Niederlage führen sollte. Nichts macht einem Humanisten größere Sorgen als eine antike Kultur mit ihren Traditionen, ihrer Kunst und ihren Bibliotheken in Gefahr schweben zu sehen. Als Papst Calixtus III starb, erkannte Piccolomini, daß seine Stunde gekommen war. Aus einem abenteuerlichen Konklave und einer Kandidatur, an die niemand so recht zu glauben schien, ging Enea als der neue Papst, Pius II, hervor. Das war im August 1458. Mit 53 Jahren nahmen große Pläne einen von einem zügellosen Leben geschwächten Körper entsprechend mit. Trotz alledem begann er sofort, sich auf einem weitreichenden diplomatischen, religiösen, politischen und kulturellem Gebiet zu betätigen, und das mit greifbaren Ergebnissen. Sechs Jahre später ereilte ihn überraschend der Tod. Es war am 14. August 1464: in Ancona blickte der Papst in Erwartung der Schiffe, die die europäischen Fürsten ( unter denen Matthias Corvinus ) für jene Kreuzfahrt versprochen hatten, die es nie geben würde, aufs Meer. Gregorio Lolli hörte seine letzten Worte. Pius II war gestorben, doch in der Zwischenzeit, zwischen einer Reise und der nächsten, trotz der Belastung durch unendlich viele Ereignisse und Sorgen, hatte sich einer seiner größten Wünsche erfüllt: seine neue Stadt war errichtet worden und trug seinen Namen: Pienza.

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