GESCHICHTE
Etwa auf halber Strecke zwischen den Bergen Monte Cetona und Monte Amiata, auf einer
maechtigen Flaeche aus Basalt und anderem Vulkangestein, erhebt sich die Festung von
Radicofani ; weiter unten, am Fusse dieses hohen und beeindruckenden Felsens, befindet
sich der Ort : das alte Dorf Collemala.
Nur eine direkte Sicht laesst die strategische Bedeutung der Festung in den
vergangenen Jahrhunderten ermessern und erklaeren, warum sie so oft und heftig umkaempft
wurde : um die beiden Taeler und die Hauptverkehrsstrasse, die Frankenstrasse zu
kontrollieren (Siena liess zur besseren Kontrolle die Strasse umleiten und zwar naeher zum
Dorf hin) , um sie als Bollwerk fuer die suedlichen Grenzen Sienas zu nutzen oder, im Fall
Ghino di Taccos, als uneinnnehmbare Ausgangbasis fuer Raubzuege.
Die Geschichte Radicofanis ist aeusserst ereignisreich : laut einigen Wissenschaftlern
handelt es sich um jenes "Radacofanum", von dem der Langobardenkoenig Desiderio
in seinem beruehmten Dekret, mit dem er die Verdienste seines Volkes auf toskanischem
Boden wuerdigen wollte, behauptet, es gegruendet zu haben ; damit wollte er zeigen, dass
die Langobarden nicht nur "die Zerstoerer der Toskana" waren, wie Papst Hadrian
I behauptet hatte. Die erste urkundliche Erwaehnung des Ortes Collemala stammt jedoch erst
aus dem Jahr 876, waehrend die Burg zum ersten Mal in dem Dokument, mit dem Lamberto di
Ildebrando degli Aldobrandeschi 973 Radicofani an das Kloster San Salvatore auf dem Monte
Amiata abtrat, erwaehnt wird. Dieses Dokument war Anlass fuer jahrhundertlange
Streitigkeiten um die Herrschaft ueber die Burg : es ist nicht moeglich , die
verschiedenen Phasen im Detail zu verfolgen, doch auch nur einige Beispiele reichen aus,
um sich ein Bild zu machen. Bereits 1080 greift der Kaiser Heinrich VI in die
Streitigkeiten zwischen den Moenchen und den Aldobrandeschi ein und bestaetigt die
Rechtmaessigkeit der Ansprueche der ersteren. 1138 wird Radicofani, das in den Besitz der
Grafen Manenti von Sarteano uebergegangen ist, vom Grafen Manente di Pepone dem Bischof
Ranieri von Siena geschenkt und diese Tatsache weckte die Besorgnis und den Widerstand der
Moenche vom Amiata , die zuerst aber spaeter, 1153, dem Papst Eugen III die Haelfte der
Burg, des Ortes und der ihn umgebenden Festung als lebenslaengliche Pacht abtraten. So
begann eine Zeit der paepstlichen Vorherrschaft, jedoch nicht ohne Widerstand von Seiten
Sienas wie im Verlauf des Krieges von 1229 bis 1235 gegen Orvieto und Florenz und nochmals
um das Jahr 1263.
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts war Radicofani Schauplatz der Abenteuer Ghino di Taccos und
zu Beginn des 14. Jahrhunderts war es
Mittelpunkt der Kaempfe, die die Gibellinen Guido di Manfort und Margherita Aldobrandeschi
gegen Siena und Orvieto führten, die zu jener Zeit von den Guelfen beherrscht wurden. Die
paepstliche Vorherrschaft war nicht unangefochten und 1352 kamen die Sieneser wieder an
die Macht und erreichten eine Unterwerfung der Gemeinde Radicofani. Daraufhin gab es
weitere Streitigkeiten zwischen Siena und dem Papstum, als sich in der Naehe mit
Unterstuetzung der Kurie die Sippe der Salimbeni niederliess, die Siena gegenueber eine
schwankende Politik vertrat, bis sich Cocco Salimbeni zu Beginn des 15. Jhs. seiner
Geburts stadt unterwarf. Das letzere Dokument der Republik Siena belegt, dass Radicofani
allen Angriffen der Medici- Truppen, die von Spanien unterstuetzt wurden, standgehalten
hatte, so dass die Festung erst nach der Kapitulation Montalcinos im Jahr 1559 dem Herzog
Cosimo uebergeben wurde.
DENKMAELER
Besondere Bedeutung kommt dem Denkmal Ghino di Taccos zu. Spross der adeligen Familie,
besetzte er, nachdem er von den Richtern Sienas wegen Unstimmigkeiten mit der Gemeinde
verbannt worden war,die Burg von Radicofani und hielt die Stellung zwei Jahre lang, von
1298 bis 1300, bis zur Versoehnung mit Bonifaz VIII, die dank der Vermittlung des Abtes
von Cluny erreicht wurde. Die furchteinfloessenden Taten des "Gentlemanbanditen"
waehrend seiner Besatzung Radicofanis wurden von Dante im 6. Gesang des Fegefeuers
erwaehnt und von Boccaccio in der 2. Novelle des 10. Tages des Decamerone verarbeitet.
In neuer Zeit ist im grossen, schoen gelegenen Garten des Maccione ein Denkmal aufgestellt
worden, das der aus Radicofani stammende Bildhauer Aldo Fatini aus einem Basaltblock
geschaffen hat. Das Werk stellt einen atlethischen Menschen dar, mit einer Ruestung aus
dem 13. Jh. bekleidet, der gerade das vom Vater Tacco geerbte schwere Schwert schwingt,
waehrend er der Linken den abgeschlagenen Kopf von Benincasa da Laterina haelt, des
Richters, der den Vater Ghinos verurteilt hatte.
Die Karolinger hatten den Bau der Burg urspruenglich im 9. Jh. als befestigten Feudalsitz
begonnen; in der Folgezeit entwickelte sich daraus jedoch nach und nach die grossartigste
und gefuerchtetste Festung ganz Mittelitaliens. Die Festung wird zum ersten Mal in einem
Manuskript aus dem Jahr 978 erwaehnt; dieses gehoert zum Archiv der Abtei "San
Salvatore" und attestiert , dass die Moenche "Radicofanum cum suo castro"
vom Feudalherrn Lamberto, Sohn Ildebrandos, gekauft haben. Der Ort und die
darueberliegende Burg gehoerten den Moenchen von Amiata bis zur Mitte des 12. Jhs. 1154
kam Friedrich Barbarossa nach Italien, entschlossen, die Rechte des Kaiserreichs, die von
den Gemeinden und den Papsten angefochten wurden, durchzusetzen. Um den Vormarsch der
Eindringlinge aufzuhalten, eilte Hadrian IV nach Radicofani, um persoenlich die
Erweiterungs- und Verstaerkungsarbeiten an der Burg zu ueberwachen, die sein Vorgaenger
Eugen III dem Abt von Monte Amiata abgekauft hatte. Der gemeinsame Besitz der Festung und
des Dorfes war Ursache endloser Kontroversen zwischen den beiden kirchlichen Autoritaeten,
die sich gegenseitig die Vorherrschaft ueber den Pass, der aus strategischen wie aus
verkehrstechnischen Gruenden von Bedeutung war, streitig machten.
Die solide Strruktur der alten Pfarrkirche (heute des Heiligen Petrus), ist ziemlich gut
erhalten geblieben. Das nuechtern und harmonische Gebaeude wurde in verschiedene
aufeinanderfolgenden Epochen erbaut und erweitert: es weist daher unterschiedliche Stile
auf, die jedoch so perfekt verschmolzen sind, dass es ein einziges und eindrucks-volles
architektonisches Ganzes bildet. Der primitive Kernbau stammt aus der 2. Haelfte des 8.
Jhs. und spiegelt die typisch langobardische Bauweise ( oben erhoehtes Presbiteium und
darunterliegende Krypta ) wider, die folgende Erweiterung ist in archaisch romanischem
Stil (12.Jh.) ausgefuehrt. In der 2. Haelfte des 12. Jhs. wurde der mittlere Teil der
Holzdecke entfernt und durch ein gotisches Gewoelbe , das durch geometrisch angeordnete
Spitzboegen gestuetzt wird, ersetzt. Im Innern der Kirche befinden sich Kunstwerke, die
zusammen einen interessanten Ueberblick der verschiedenen Schulen vom Beginn des 15. Jhs.
bis heute bieten. Wichtig ist z. B. die Holzstatue der Madonna del Castello von Francesco
di Valdambrino. Andrea della Robbia (1437-1528) schuf fuenf Glaskeramiken, von denen zwei
als echt anzusehen sind: die weisse Statue der Santissima Annunziata, die in einer Nische
der Kirche steht, sowie der Messbuchdeckel, der sich in der Kirche Sant'Agata befindet;
außerdem sind auch die beiden Bildtafeln, die ueber den Altaeren des San Pietro haengen,
Werke des Meisters, doch im Zusammenarbeit mit der Werkstatt entstanden.
Die ersten Grossherzzoege der Toskana liessen ausserhalb des Dorfes, dort, wo die vom Dorf
kommende Strasse auf die Roemerstrassae traf, eine Villa errichten. Das grosse Gebaeude,
das durch eine Fassade mit zwei Reihen von Loggien aufgelockert wird, wurde auf Wunsch des
Grossherzogs Ferdinand I dei Medici (1587-1609) , Freund der Kuenstler und Wissenschaftler
sowie passionierter Jaeger, gebaut. 1603 liess der gleiche Grossherzog vor der Villa einen
Brunnen in manieristischem Stil aufstellen, um die Pferde zu traenken und den Reisenden
etwas "Komfort" zu bieten.
Ein weiteres wichtiges Denkmal sind die oeffentlichen Waschtroege von "Fonte
Grande" (Grossen Brunnen).
KULTURELLE VERANSTALTUNGEN
Die wichtigsten Veranstaltungen sind die sogenannte "Tausend Meilen " und die
Rally.
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